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No Future

Zeit: 27. April 2002
Ort: Gedächtniskirche in Berlin-Charlottenburg

Wo moderne Marktwirtschaft und Arbeitsteilung die Grundpfeiler des kapitalistischen Systems ausmachen, fallen viele Existenzen zwangsläufig durch. Abgeschrieben und verlassen, wird für den Bettler der Überlebenskampf zur vorrangigen Bedingung. JaMbS & Wogs haben sich für einige Stunden in die Rolle jenes mittellosen Vagabunden hineinversetzt, der täglich in Berlin seine spärlichen Spenden zusammenkratzt - und noch immer auf ein besseres Leben wartet.

Bitte eine Spende für obdachlose Akademiker

Wir kleideten uns in alte Jacken, kaputte Schuhe und dreckige Lumpen, legten unseren Spendentopf zurecht, setzten uns ans Gemäuer des halb zerfallen Gotteshauses - und warteten. Der Reiz der Aktion lag vor allem in dem Zwiespalt der Authenzität unseres Auftretens und unserer Rolle als Absolventen hoffnungslos unpopulärer Studiengänge ohne jede Zukunft.

Eine Zeitlang passierte erst einmal gar nichts, außer dass es gelegentlich regnete. Viele Passanten liefen hektisch an uns vorbei, schauten uns verständnislos an und eilten weiter. Andere blieben vor uns stehen, lasen die Aufschrift unserer Pappschilder ("Eine Spende für obdachlose Akademiker") und grinsten einvernehmlich - bis nach zwanzig Minuten erstmals eine junge Frau ihr Portemonaie öffnete und einen Euro in den Spendentopf warf. Ein Mann mittleren Alters kam auf uns zu: schlecht rasiert und dank Jacke, Schal und Schirmmütze eindeutig als ein Hertha-Fan zu identifizieren. Verwundert schaute er erst auf Wogs hinunter, dann entdeckte er das Schild und sah mich an. Mit einer typisch-berlinischen Rauhheit in seiner Stimme sagte er schließlich in meine Richtung: "Obdachlos? Okay, das nehm´ ick dir noch ab. Aber Akademiker? Nee...".

Von nun an machte sich unsere kümmerliche Erscheinung bezahlt. Nach einigen Frauen mit Hang zu Mitmenschlichkeit und Zahlungsbereitschaft wurden auch männliche Gönner auf uns aufmerksam. Der finanzielle Höhepunkt war ein älterer Herr in Jackett und Krawatte, der unversehens einen 5-Euro-Schein auf uns niedersegeln ließ; "finde ich gut, was ihr da macht", sagte er noch. "Geht doch arbeiten, Jungs!", "Schmarotzerschweine!" und "Faules Gesindel" waren Beispiele weniger mitleidig fühlender Passanten, für die unser Aufenthalt ein Schandfleck in der Landschaft einladender Einkaufsparadiese des Kurfürstendamms darzustellen schien. Nach sechs Stunden Sitzen und Frieren zogen wir Bilanz: 16 Euro Reingewinn. Wir standen auf, streckten uns - und gingen mit dem Geld erstmal essen. Sechs Stunden Armsein war uns auch genug...

Der Anblick des Elends entsetzt die Passanten an der Gedächtniskirche.
Ob mit dem Bachelor wirklich alles besser wird?

verfasst von: JaMbS